Aargauer Sport – «Es reicht heute nicht mehr, einfach nur eine moderne Sportanlage zu bauen»

Text: Interview von Fabio Baranzini, aargauersport.ch, 08.12.2020

 

Es ist eines der grössten Sportinfrastruktur-Projekte, das derzeit im Kanton Aargau geplant wird: das Turnzentrum Aargau. In Lenzburg soll der «Magnesiaklotz» für rund 14 Millionen Franken gebaut werden und dereinst das neue Zuhause für den Aargauer Turnsport bilden.

Ende 2022 muss das regionale Leistungszentrum der Turner in Niederlenz schliessen. Darum ist der Aargauer Turnverband derzeit mit Hochdruck daran, ein neues Turnzentrum zu bauen. Aktuell liegt das Baugesuch für die neue Sportanlage bei der Stadt Lenzburg auf. Die Projektverantwortlichen hoffen, dass bis Anfang des Jahres 2021 die definitive Baubewilligung auf dem Tisch liegt.

Bereits jetzt läuft die Ausführungsplanung und seit dem 1. Dezember können sich interessierte Unternehmen für einen Auftrag bewerben. Doch wie bringt man in der heutigen Zeit ein derart grosses Sportinfrastruktur-Projekt zum Fliegen? Welche Bedeutung hat die Mantelnutzung? Und wie soll der Betrieb des Turnzentrums Aargau langfristig finanziert werden? Darüber hat sich Fabio Baranzini von aargauersport.ch in einem Interview mit Projektleiter David Huser unterhalten.

Projektleiter David Huser

 

Das neue Turnzentrum Aargau kostet rund 14 Millionen Franken und ist viel mehr als nur eine Turnhalle. Es gibt einen Fitnessbereich, Erholungsräume für Regeneration und Physiotherapie, sowie Spiegelräume, Seminarräume und Büros für Trainer Auch die Geschäftsstelle des Turnverbandes wird neu vor Ort sein. Würde eine moderne Turnhalle mit Garderobe nicht genügen?
Die Turnhalle ist natürlich auch im neuen Turnzentrum Aargau das Herzstück. Aber in der heutigen Zeit braucht es viel mehr als das. In den letzten 20 Jahren hat der Sport in der Schweiz eine unheimliche Entwicklung durchgemacht. Das gilt auch für den Turnsport. Alles ist viel professioneller geworden. Die Anforderungen an die Athletinnen und Athleten sind gestiegen. Und damit auch die Anforderungen an die Sportverbände. Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten – insbesondere im Leistungssport, aber auch im Breitensport – braucht es mehr als nur eine moderne Turnhalle. Darum haben wir uns für diese Variante entschieden.

Was ist denn der Vorteil einer derart vielfältigen Infrastruktur?
Da gibt es verschiedene Argumente. Unter anderem geht es darum, für die Athletinnen und Athleten des Leistungszentrums ein ideales Umfeld zu schaffen. Im neuen Turnzentrum können sie nicht nur trainieren, sondern auch im Athletikbereich arbeiten, die Physiotherapie und Massage in Anspruch nehmen und den Stützunterricht im Rahmen des Regelschulmodells besuchen. Dadurch sind die Wege sehr kurz, was weitere Vorteile mit sich bringt.

Nämlich?
Weil alles unter einem Dach ist, entsteht ein viel besserer Kitt. Wenn Athleten, Lehrer, Trainer, Funktionäre und die Mitarbeiter der Geschäftsstelle tagtäglich eng zusammenarbeiten, werden allfällige Probleme viel früher erkannt und können behoben werden. So können wir den viel zitierten Kulturwandel im leistungsorientierten Turnsport weiter vorantreiben.

 

So sieht die Zukunft des Schweizer Turnsports aus.

 

Ein solches Grossprojekt kostet immer auch viel Geld. Im Fall des Turnzentrums Aargau sind es rund 14 Millionen Franken. Zwei Millionen will der Aargauer Turnverband selber auftreiben und hat dafür eine eigene Fundraising-Kampagne auf die Beine gestellt. Warum habt ihr euch für diesen Weg entschieden?
Zusammen mit den wichtigen Unterstützungsbeiträgen des Kantons aus dem Swisslos-Sportfonds Aargau, des Bundes über das Nationale Sportanlagenkonzept und weiteren Partnern möchten wir einen möglichst grossen Teil des Neubaus selber mitfinanzieren. So können wir anschliessend einen nachhaltigen Betrieb der gesamten Infrastruktur ermöglichen. Es reicht in der heutigen Zeit nicht, einfach nur eine moderne Sportanlage zu bauen. Das Betriebskonzept ist genauso wichtig.

Wie sieht denn das Betriebskonzept aus?
Ein grober Businessplan steht bereits. Wir sind derzeit daran, die Details auszuarbeiten. Im Grundsatz baut das Betriebskonzept auf drei Bereichen auf. Erstens: der Leistungssport. Das sind unsere Kaderathleten, die vor allem tagsüber bei uns trainieren. Zweitens: der Breitensport. Das sind Vereine aus dem Aargau, die abends die Hallen, die Spiegelsäle und bei Bedarf die Seminarräume für ihre Trainings und Veranstaltungen mieten. Auch werden wir unsere Halle regelmässig für öffentliche Sportangebote für Jung bis Alt öffnen. Und drittens: die Vermarktung des Turnsports. Wir wollen das neue Turnzentrum auch für Firmenevents und andere Veranstaltungen nutzen können. Einerseits um so zusätzliche Einnahmen zu generieren und andererseits um den Turnsport auch über die Turnsportfamilie hinaus populärer zu machen.

Zurück zum Fundraising. Bislang habt ihr über 750’000 Franken von den budgetierten zwei Millionen Franken generiert. Dies unter anderem dank dem Engagement der Aargauer Turnvereine. Seid ihr damit zufrieden?
Absolut. Das ist gemessen an den Umständen ein gewaltiger Erfolg. Wir haben das Fundraising Ende 2019 gestartet und wurden dann im Februar von der Coronakrise ausgebremst. Die Vereine und Unternehmen stecken wegen Corona in einer schwierigen Situation und wir mussten viele geplante Aktionen zur Bewerbung des Turnzentrums absagen. Darunter beispielsweise eine Roadshow mit 25 Stationen im ganzen Kanton und an nationalen Turnsportevents.

«Es ist entscheidend, dass man möglichst früh, regelmässig und transparent informiert.»
David Huser, Projekt Leiter Turnzentrum Aargau

Das klingt nach viel Aufwand für das Fundraising. Was ist entscheidend, damit ein Fundraising in dieser Grössenordnung funktioniert?
Die Schlüssel-Komponente ist die Information. Der Informationsbedarf von Seiten der Turnerinnen und Turner sowie der Vereine ist riesig. Bei so einem grossen Projekt entstehen schnell auch Gerüchte. Da ist es entscheidend, dass man möglichst früh, regelmässig und transparent informiert. Wir sind bei vielen Versammlungen von Vereinen und Verbänden persönlich vorbeigegangen, besuchten ihren Trainingsbetrieb oder haben sie einfach angerufen. Zusätzlich sind wir natürlich auf den digitalen Kanälen sehr aktiv. Das braucht zwar viel Zeit, aber dieser Aufwand ist nötig, wenn man so viel Geld sammeln will. Es ist von zentraler Bedeutung, dass wir die 43’000 Turnerinnen und Turner im Aargau für das Projekt begeistern und auch sie sich für das Vorhaben engagieren.

Wie schafft man das? Normalerweise tun sich Sportvereine eher schwer damit, sich für ihren Verband zu engagieren. Oftmals sind die Vereine mit sich selbst und ihren Herausforderungen beschäftigt.
Das stimmt. Wir sind überzeugt, dass ein solches Fundraising nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Vereine erkennen, dass sie Teil von diesem Projekt sind. Uns hilft die Tatsache, dass wir im Aargauer Turnsport in den letzten Jahren enorme Erfolge feiern konnten. Wir waren so erfolgreich, dass der Aargau als systemrelevant für den Turnsport und vom Bundesamt für Sport als «Sportanlage von nationaler Bedeutung» eingestuft wurde. Diese Erfolgsgeschichte des Aargauer Turnsports wollen wir weiterschreiben und auf diese Art und Weise haben wir es auch geschafft, die Vereine für unser Projekt zu gewinnen. Wir haben auch viele Vereine, die uns unterstützen, obwohl sie weder Kunst- noch Geräteturnen anbieten. Aber sie sehen sich als Teil unseres Projekts und wollen die Zukunft des Turnsports im Aargau aktiv mitgestalten. Das ist ein gutes Zeichen.

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